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Das Problem mit meinem Bauch -Teil 2

Bevor du anfängst zu lesen, möchte ich darauf hinweisen, dass im Laufe des Beitrages Bilder zu sehen sind, die nicht den Schönheitsidealen der heutigen Zeit entsprechen. Es wird meine frisch operierte Narbe zu sehen sein und ihr Heilungsverlauf. Wenn du solche Bilder nicht sehen möchtest, dann empfehle ich dir, den Beitrag nicht weiter zu lesen.

Ich habe vor ein paar Monaten erstmals über meine Probleme nach der Geburt meiner Tochter im Februar 2011 gesprochen und dir aufgezeigt, wie viel Glück ich am Ende hatte und wie sehr ich unter den Umständen litt. Ich habe viele Jahre gebraucht, um mich wieder aufzuraffen und nun möchte ich dir wie damals angekündigt erzählen, welche weiteren körperlichen Einschränkungen ich durch die Narbe habe.

Zu Beginn war das einzige „Problem“, das ich wahrhaben wollte, die Tatsache, dass es hässlich aussah und ich mich geschämt habe. Ich war 20 Jahre jung und hatte einen völlig verunstalteten Bauch. Bikini? Fehlanzeige. Ich bin fast fünf Jahre lang nur ungern oder gar nicht ins Bad gegangen. Eine Qual für meine Tochter, die so gerne badete. Meine Psyche hat gelitten und ich habe mich immer mehr zurückgezogen. Einen Partner, der mich wirklich aufbaute, hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht. Klar wurde mir gesagt, dass es nicht schlimm ist, aber „nicht schlimm“ ist ungefähr genauso wie „es sieht hässlich aus“. Zumindest hat es sich so angefühlt. Ich war sogar zwischenzeitlich mit einem Mann zusammen, der mir direkt sagte, dass er meinen Bauch nicht schön fand. Vermutlich würde er jetzt nicht mehr so handeln, aber das weiß ich nicht.

Den zweiten Umstand, den ich mir nach all dem Unglück eingestanden habe, habe ich mittlerweile verworfen, hat mich aber damals auch psychisch kaputt gemacht. Ich wollte mein Leben lang mindestens zwei Kinder – ein Jungen und ein Mädchen – doch das hatte sich für mich bereits während des einmonatigen Klinikaufenthalts erledigt. Für mich stand fest, dass ich keine zweite Geburt überstehen würde, die Angst war einfach zu groß. Doch vor zwei Jahren trat dann das Gefühl ein, dass ich mir nicht mehr sicher bin. Ich rede mir ständig ein, dass kein Mensch soviel Pech im Leben haben kann, damit sowas zweimal passiert. 

Die psychische Belastung durch den „verunstalteten“ Bauch spielt also keine Rolle mehr in meinem Leben. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich bevor ich die Narbe wegzaubern könnte, tatsächlich andere Körperteile etwas vorteilhafter gestalten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

 

Mittlerweile laufe ich sogar mit bauchfreien Oberteilen durch die Weltgeschichte und kämpfe nicht jede Sekunde mit quälenden Gedanken. Das wäre vor einem Jahr noch nicht gegangen. Ich habe immer darüber nachgedacht, was wohl die anderen Menschen sehen und denken.

Was wenn sie mit dem Finger auf mich zeigen? Was wenn sie anfangen zu tuscheln? Ja Lisa, was soll denn dann sein? Solche blöden Vorstellungen hat man in den Momenten und tatsächlich zeigt keiner mit dem Finger auf mich? ich bekomme eher guten Zuspruch. Fremde Menschen sagen mir, dass ich toll aussehe und nichts verstecken muss. 

Da frage ich mich, warum ich so lange so ängstlich war. Dafür gab es nie einen Grund – außer in meinem Kopf. Ich habe mal gelesen, dass jeder Mensch sich selbst mindestens 20% hässlicher einstuft, als seine Umwelt das tut. Bei mir waren es allein wegen der Narbe viele Jahre weit mehr als 50%. 

Niemand ist perfekt und es gibt so viel schlimmere Krankheiten und Narben, die sichtbarer sind als meine Narbe am Bauch. Trotzdem möchte ich mein ganz persönliches Problem nicht abstufen. 

Denn zu den psychischen Belastungen, haben sich im Laufe der Zeit auch körperliche Defizite eingestellt.Im Jahr 2013 – ich war gerade im zweiten Ausbildungsjahr – stellten sich immer häufiger vorkommende Schmerzen im Unterbauch ein. Nach wenigen Wochen gab es keine Möglichkeit mehr aufrecht zu gehen, zu stehen oder gerade im Bett zu liegen. Ich hielt mich jeden Tag mit Unmengen an Schmerzmitteln über Wasser und jeden Morgen wurde es schwerer auf Arbeit zu gehen. Ich hatte eine wunderbare Chefin, die mir mit Feingefühl und genügend Fachwissen empfahl endlich zu meinem Frauenarzt zu gehen. Sie machte sogar einen Termin für mich, damit ich schneller dran kam. Meine Frauenärztin hatte einen Verdacht, aber keine ausreichende Technik zur Verfügung und überwies mich zu einem Spezialisten. Nur einen Tag später untersuchte mich der Chefarzt der Abteilung für Frauenheilkunde in einer Thüringer Klinik und beriet mich umfassend. 

Durch die Notoperation 2011 und den großen Schnitt haben sich starke Verwachsungen im inneren meines Bauchraumes gebildet. Mein Darm war nicht nur an der Bauchdecke verwachsen, auch andere Organe waren betroffen, teilweise vollständig von Narbengewebe umhüllt. Die Schmerzen waren unerträglich. Wir machten einen Termin für eine erneute OP – diesmal endoskopisch. Aufgrund der keloiden Narbe und dem damit zusammenhängenden angekratzten Selbstvertrauen bot mir der Arzt noch eine zusätzliche Narbenkorrektur im Laufe der OP an. Ich habe vor Glück geweint und nahm das Angebot freudig an. Letztendlich ist die Narbe dadurch nicht wirklich schöner geworden, aber das lag allein an meiner Narbenheilung. Die OP verlief sehr gut und ohne Komplikationen. Ich wurde von einem tollen Ärzte- und Pflegeteam betreut und konnte kurze Zeit später die Klinik verlassen.

Den Verlauf der Heilung möchte ich euch gerne zeigen. Diese Bilder habe ich noch nie öffentlich gemacht und möchte nochmal an der Stelle darauf hinweisen, dass das kein schöner Anblick sein wird.

Wie man anhand des letzten Bildes sehen kann, ist aus dem schönen schmalen Strich wieder eine breite Wulst geworden. Ich hatte Monate lang das Gefühl, dass mein gesamter Bauch juckt und habe mir teilweise noch zwei weitere Streifen rechts und links von der Narbe gekratzt. Dank Unterspritzungen ist das Narbengewebe mittlerweile etwas weicher und es juckt gar nicht mehr. Bis vor kurzem war ich noch in osteopathischer Behandlung und die Organe und das Gewebe ringsherum sind nun aufgelockert. Ich habe weniger Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich, denn durch den Zug war das ein weiteres schmerzendes Problem. 

Da möchte ich nochmal auf unseren Kinderwunsch zurück kommen: Denn auch das überdenkt man dann nochmal, wenn man merkt welch eine Zugkraft von der Narbe ausgeht. Ich habe natürlich Angst, denn was eine Schwangerschaft mit der Narbe und dem Gewebe ringsherum macht, kann mir keiner sagen. Ich denke, dass jetzt auch der letzte Leser verstanden hat, dass ich nicht einfach „nur“ eine Narbe auf meinem Bauch habe und ich hoffe, dass ich Kritiker zum Nachdenken anregen und ebenfalls leidende Frauen und Männer etwas unterstützen konnte.

Wenn du auch eine Leidensgeschichte zu erzählen hast und mit mir darüber reden möchtest, dann schreib mir gerne über mein Kontaktformular. 

Deine El Ef von ilovesunshine

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