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Der Tag, an dem die Welt stehen blieb

Manchmal gibt es Erlebnisse im Leben, die man nicht kommen sieht. Im einen Moment ist die Welt erfüllt von Glücksgefühlen und dann kommt der große Knall und sie bleibt für einige Sekunden, Minuten oder Stunden stehen. In unserem Fall ist sie für mehrere Tage stehen geblieben und ich bin heute bereit an diesem besonderen Tag die Erlebnisse des 09.01.2019 mit dir zu teilen. Ich möchte kein Mitleid oder deine Aufmerksamkeit auf meinen Leidensweg richten. Vielmehr möchte ich zeigen, dass wir alle unsere Laster zu tragen haben und vielleicht kann ich die ein oder andere Familie mit meinen Worten erreichen und ihnen helfen mit solchen Schmerzen zurecht zu kommen .

Der 19.08.2019 sollte der Tag werden, an dem unsere kleine Familie ein kleines bisschen größer wird. Bereits am 08. Dezember – in der fünften Schwangerschaftswoche – erfuhren wir, dass unser Wunsch, gemeinsam ein Kind zu bekommen, wahr werden würde. Tatsächlich hätte ich zu diesem frühen Zeitpunkt in meinem Zyklus noch keinen Schwangerschaftstest gemacht, jedoch hatte ich Symptome, die auf eine mögliche Schwangerschaft deuteten. Ich machte also am späten Nachmittag an diesem Samstag einen Test, der positiv ausfiel. Wir beschlossen aber noch einen weiteren am nächsten Morgen zu machen, bevor wir uns zu sehr freuten. Doch dieser Test war ebenfalls positiv und wir konnten unser Glück kaum fassen. Etwa ein halbes Jahr zu vor beschlossen wir Eltern zu werden und nun sollte es soweit sein. Der erste Besuch bei meiner Frauenärztin bestätigte die Testergebnisse. 

Kurz nach Weihnachten überraschte mich dann mal wieder eine Blasenentzündung und ich fuhr ins nächstgelegene Klinikum, die Ärzte dort verschrieben mir ein Antibiotikum obwohl keine Bakterien nachweisbar waren – lediglich ein erhöhter Leukozytenwert – und schickten mich wieder nach Hause. Ich wusste nicht so recht, ob ich aufgrund der Schwangerschaft wirklich ein Antibiotikum nehmen sollte und wartete bis zum 02.01.2019 um bei einer ortsansässigen Frauenärztin nochmal nachzuhaken. Sie nahm mir die Sorgen und versicherte mir, dass das verschriebene Medikament während einer Schwangerschaft genommen werden kann. Außerdem machte sie ein Ultraschall und war etwas verwundert, dass ich laut Entbindungstermin bereits in der 8. SSW war, da ich laut Messdaten erst in der 5. SSW sein kann. 

Da ich aber eine Woche später sowieso meinen ersten Vorsorgetermin mit genauem Ultraschall bei meiner Frauenärztin hatte, beließen wir es dabei und ich ging mit einem ersten Ultraschallbild nach Hause. Zu dem Zeitpunkt wussten wir nicht, dass es das einzige Bild sein würde. Nele war unglaublich aufgeregt und freute sich wahnsinnig über das Bild und wollte es gar nicht mehr hergeben. Sie konnte nicht glauben, dass aus dieser Bohne mal eine Baby werden sollte.

Und dann war alles still

Jan hatte am 09.01.2019 extra frei gemacht, damit er mich zu diesem besonderen Termin begleiten konnte. An dem Tag hatten wir uns aber früh schon gestritten und so verbrachten wir die Zeit im Wartezimmer schweigend und bockend. Doch als wir in das Behandlungszimmer gerufen wurden, war der Streit erstmal vergessen und wir waren glücklich. „Na dann Frau Friese, wollen wir doch mal gucken. Hüpfen Sie mal aus Ihrem Schlüpfer.“ Wir mussten unweigerlich bei den lockeren Worte der Frauenärztin schmunzeln. Jan stand an meinem Kopfende und wir blickten voller Vorfreude auf den Monitor. Das Ultraschallbild erschien und die Fruchtblase war deutlich zu sehen, doch wie der Ultraschallkopf auch gedreht und gewendet wurde, man konnte keinen Herzschlag erkennen, nicht mal ansatzweise einen klaren Umriss eines Embryos. Die Ärztin wurde ganz ruhig und entfernte den Ultraschallkopf. „Es tut mir leid, aber man kann keinen Herzschlag erkennen, zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft müssten wir deutliche Bewegungen sehen.“

Ich nickte wie ein Roboter, Jan versuchte mir nah zu sein, aber ich konnte es nicht zu lassen. Ich zog mich erstmal an und setzte mich dann neben ihn. Er weinte und ich hatte das Gefühl von Taubheit. Wie mechanisch hörte ich der Ärztin zu, wie sie mir die nächsten Schritte erklärte, meine Hand ruhte auf Jans Arm. Ich bekam direkt für den nächsten Tag einen Termin bei einer Frauenärztin in Jena, die nochmal eine Untersuchung und wiederum einen Tag später eine Kürettage durchführen würde. Das war es! Von einem auf den nächsten Moment war es vorbei.

Die nächsten zwei Tage vergingen irgendwie nebenbei. Neles Papa hatte viel Verständnis und behielt Nele noch bis zum Wochenende bei sich ohne ihr etwas zu sagen. Selbst am Tag der OP konnte ich noch nicht weinen, ich glaube ich hatte es zu dem Zeitpunkt immer noch nicht richtig registriert. Doch als ich es Nele sagte, war der Moment gekommen. Wir saßen zu dritt auf unserer Couch mit einem Kakao und redeten darüber. Ich weiß gar nicht mehr was ich genau gesagt habe, aber wir erklärten es ihr scheinbar gut. Sie begriff was wir ihr sagten, wir weinten alle zusammen und verbrachten den Tag in Ruhe zusammen. Im Nachhinein betrachtet, bin ich der Meinung, dass Nele nicht perfekter reagieren konnte. Sie ist aufmerksam und empathisch gewesen, hat aber trotzdem ihrer Trauer Luft gelassen und geweint.

Es sind so viele Familien von solchen Erlebnissen betroffen und jeder einzelnen Frau, jedem einzelnen Mann, wünsche ich Kraft und Frieden. Es ist ein unbeschreiblich intensives Gefühl und andere Menschen, die so ein Erlebnis nicht durchgemacht haben, können nicht im geringsten den Schmerz nachvollziehen. Ich kann mittlerweile ohne eine Träne zu vergießen darüber reden. Es macht mich traurig, aber diese Traurigkeit frisst mich nicht mehr auf. Irgendetwas war geschehen, weswegen dieses kleine Lebewesen nicht auf die Welt kommen konnte und vielleicht war auch einfach der Zeitpunkt nicht gut. Jan und ich sind daran gewachsen, wir haben in so kurzer Zeit so viel durchgestanden und wir hoffen, dass irgendwann der richtige Moment kommt. Wir genießen unser Familienleben und sind für Nele da, denn bei all dem sollten wir niemals vergessen, dass wir bereits eine wundervolle Tochter haben.

Deine El Ef von ilovesunshine

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